Fragt nicht, wann die Unruhen vorbei sind – werdet selbst unruhig!

Am 18. Oktober hat sich alles geändert. Als überall in Santiago die Menschen an den U-Bahn-Stationen gegen die Erhöhung der Fahrpreise protestierten, sagte ein Freund zu mir: „Sophia, das hier ist vielleicht der Beginn von etwas viel Größerem.“ Ich habe ihm nicht geglaubt. Wenige Stunden später brannten überall um mich herum Barrikaden, die Menschen rissen die Ampeln aus dem Asphalt und warfen sie ins Feuer. Mit Holzlöffeln schlugen sie auf Kochtöpfe, um Lärm zu machen. Die jahrzehntelang angestaute Wut der Chilen*innen entlud sich in einer Nacht.

Die Menschen sind nicht nur wütend, weil sie ein Fünftel ihres Einkommens dafür ausgeben, zur Arbeit und wieder nach Hause zu fahren und die Preise immer weiter ansteigen. Sie sind wütend, weil es in den öffentlichen Krankenhäusern nicht genügend Betten gibt und sie Monate oder sogar Jahre lang auf einen Arzttermin warten müssen. Sie sind wütend, weil die Schulen und Universitäten so viel Geld kosten, dass sie sich verschulden müssen. Sie sind wütend, weil die Mindestrente so niedrig ist, dass viele Rentner*innen auf der Straße leben oder Selbstmord begehen. Sie sind wütend, weil das Wasser privatisiert ist und viele Menschen auf dem Land kein Trinkwasser haben, während Agrarunternehmen das Grundwasser abpumpen.

Noch kurz vor dem 18. Oktober hatte Präsident Piñera Chile eine „Oase im unruhigen Lateinamerika genannt“. Im Dezember sollte die Weltklimakonferenz in Chile stattfinden und das Land als Vorreiter in erneuerbaren Energien darstellen. Aber das Kartenhaus, das die Regierung aufgebaut hatte, ist sehr schnell zerfallen. Von dem hohen Wirtschaftswachstum, für das Chile bekannt war, profitiert lediglich eine kleine Elite. Chile ist eines der Länder mit der größten sozialen Ungleichheit der Welt. Ein Prozent der Bevölkerung besitzt ein Drittel des Reichtums. Alles ist privatisiert, von der Wasser- und Stromversorgung bis zum Gesundheits-, Bildungs- und Rentensystem. Mehr als die Hälfte der Chilen*innen verdient weniger als 500 Euro im Monat, obwohl die Lebenshaltungskosten denen in Europa ähneln. Wer Geld hat, kann sich ein würdevolles Leben leisten, alle Anderen leben an der Existenzgrenze oder müssen Kredite aufnehmen.

Ich habe die letzten Jahre damit verbracht, über die Auswirkungen des neoliberalen Wirtschafssystems in Chile zu berichten. Die Nutznießer dieses Systems befinden sich vor allem in Europa und in den USA. Denn die Wirtschaft Chiles ist auf Export ausgerichtet. In der Atacama-Wüste wird Lithium für deutsche Elektro-Autos abgebaut, wofür extrem viel Wasser verbraucht wird. In Petorca werden Avocados für den europäischen Konsum angebaut, während die Bevölkerung kein Trinkwasser hat. In Patagonien ist die Küste voll von Lachszuchtfarmen, die mit Antibiotika vollgepumpt werden und das Ökosystem aus dem Gleichgewicht bringen. In der Maule-Region werden Haselnüsse für Ferrero angebaut, das verwendete Pflanzenschutzmittel Paraquat verursacht Krebs und Missbildungen.

Dass die Chilen*innen irgendwann die Nase voll haben würden, war für mich also keine Überraschung. Die meisten meiner Freund*innen und Bekannten haben nach dem 18. Oktober gesagt: „Endlich! Wir haben so lange darauf gewartet“. Sie sprechen von einer „Revolution“, während rechte Politiker eine „soziale Krise“ beklagen. Nicht nur das Erbe der Pinochet-Diktatur und die nationale Oligarchie werden hinterfragt, sondern das neoliberale System generell. Und dabei handelt es sich um ein globales System. Chile ist auch bekannt als das „Labor des Neoliberalismus“, weil während der Pinochet-Diktatur (1973-1990) ohne die Zustimmung der Bevölkerung und auf Kosten von Menschenleben neoliberale Wirtschaftsreformen durchgeführt wurden. Das System hat sich mittlerweile auf der ganzen Welt ausgebreitet. Staatliche Unternehmen und Leistungen werden immer stärker zurückgefahren, um privaten Unternehmen den „freien Wettbewerb“ zu ermöglichen. Eine kleine Elite besitzt den Großteil des Reichtums und die Mehrheit der Bevölkerung arbeitet jeden Tag, um die Macht dieser Elite aufrecht zu erhalten.

Was in Chile Realität ist, ist weltweit nicht anders: Einer Oxfam-Studie zufolge besitzen 62 Einzelpersonen (davon 53 Männer) genauso viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, das heißt rund 3,6 Milliarden Menschen. In Deutschland besitzen die reichsten zehn Prozent  mehr als die Hälfte des gesamten Vermögens. Der einzige Grund dafür, dass die Leute in Deutschland noch nicht auf die Straße gehen, ist der Sozialstaat, der sie im Notfall auffängt. In Chile gibt es den nicht und die Menschen fallen deshalb tief bis auf den Boden.

Auch die globale Erwärmung und die Klimakrise sind eine Konsequenz des Neoliberalismus und des globalen Kapitalismus. Der Philosoph Slavoj Žižek hat einmal gesagt: „Wir können uns eher das Ende der Welt vorstellen als das Ende des Kapitalismus.“ Diesen Eindruck bekommt man, wenn man die Klima-Debatte in Europa verfolgt. Aber die Umweltprobleme auf der Erde lassen sich nicht lösen ohne das Wirtschaftssystem zu hinterfragen. Der Kapitalismus ist an seine Grenzen gestoßen. In Chile ist das so deutlich, dass die Menschen keinen anderen Ausweg mehr sehen, als auf die Straße zu gehen. Sie haben nichts mehr zu verlieren. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es auch in anderen Teilen der Welt dazu kommen wird. In Kolumbien, im Libanon, in Spanien, in Frankreich und im Irak ist das schon der Fall.

Die Menschen in Chile wollen einen Wandel und sie setzen jeden Tag ihre Gesundheit und ihr Leben dafür aufs Spiel, weil die Regierung die Proteste gewaltsam unterdrückt. Die Polizei beschützt hier nicht die Bevölkerung, sondern verteidigt die wirtschaftliche und politische Elite. Mehr als 25 Menschen sind seit dem Beginn der Proteste ums Leben gekommen, mehr als 3.500 wurden verletzt, davon über 2.000 durch Schusswaffen, allein 359 haben Augenverletzungen erlitten. Die Regierung spricht von Einzelfällen. Zahlreiche Organisationen, darunter die Vereinten Nationen haben die Menschenrechtsverletzungen durch die Polizei kritisiert, aber die Welt schweigt.

Bitte fragt mich also nicht, wann die „Unruhen“ in Chile endlich vorbei sind. Fragt euch selbst, wann ihr anfangt, unruhig zu werden, während das Wirtschaftssystem, von dem vor allem die reichen Industriestaaten profitieren, weltweit die Umwelt und die Lebensgrundlage vieler Menschen zerstört. Chile ist ein Beispiel für die Welt.

Das Überlegenheitsdenken der Europäer zerstört den Planeten

Indem wir Europa als Maßstab für Entwicklung betrachten, ziehen wir uns aus der Verantwortung und legitimieren die globale Ungleichheit. Während meines Studiums in Lateinamerika habe ich erstmals die Welt aus der Sicht der „Unterentwickelten“ betrachtet.

„Change the world“, steht auf den Websites entwicklungspolitischer Freiwilligendienste. Viele junge Menschen meinen heute, wenn sie für ein paar Wochen im Kinderheim in einem sogenannten Dritte-Welt-Land arbeiten, wären sie die ganz großen Weltveränderer. Damit werben Organisationen von Freiwilligendiensten. Sie werben mit dem Schuldgefühl. Mit dem Schuldgefühl derer, die den Widerspruch nicht aushalten, in der westlichen Konsumwelt zu leben, während auf der anderen Seite der Welt jede Sekunde in Kind an Hunger stirbt. Die freiwilligen Helfer leisten ihren Dienst ab, machen ein paar Selfies mit armen Kindern im Kinderheim, die sie bei Instagram posten und fliegen zurück in ihre Heimat, wo man voll all dem nichts mitbekommt. Und an der weltweiten Ungleichheit und Armut ändert sich: Nichts.

Ich studiere Sozial- und Politikwissenschaften Lateinamerikas in Chile und wenn ich solche Fotos von Freunden und Bekannten in sozialen Netzwerken sehe, erinnern sie mich an die Fotos in meinem Geschichtsbuch in der Schule, auf denen sich Kolonialherren mit sogenannten unzivilisierten Völkern ablichteten. In der Kolonialzeit wollten die Europäer die Unzivilisierten zivilisieren, heute wollen sie die Unterentwickelten entwickeln. Kurz gesagt: Die armen Länder haben die Probleme, wir haben die Lösung. Die Weltgeschichte ist davon geprägt, dass wir Europäer anderen Völkern unsere Gesellschafts- und Wissenssysteme aufzwängen wollen. Und es macht das Leben im Widerspruch natürlich einfacher, wenn man denkt, die armen Länder seien einfach noch nicht so weit entwickelt und würden irgendwann schon unseren Lebensstandard erreichen, wenn wir denn nur ausreichend Entwicklungshilfe betreiben.

Wenn wir die ökologische Bilanz der Industriegesellschaften betrachten, verlieren sie schnell ihren Vorbildcharakter. Hätten alle Erdenbewohner denselben Lebensstandard wie ein durchschnittlicher Schweizer, bräuchten wir 2,4 Planeten. Das Gesellschaftsmodell des Westens ist also weder dauerhaft aufrechtzuerhalten noch verallgemeinerbar. Wenn man diese Erkenntnis ernstnimmt, dann sind die „entwickelten“ Staaten keinesfalls die vollendeten, erstrebenswerten Endstadien eines Prozesses der wünschenswerten Gesellschaftsveränderung, sondern eher bedauerliche „Fehlentwicklungen“.

In Lateinamerika ist für viele Menschen klar: Die Armut und die schwache wirtschaftliche Stellung der „unterentwickelten“ Länder hat mit den globalen Abhängigkeitsverhältnissen zu tun und diese werden vom Westen kontrolliert und bewusst aufrechterhalten. Die Länder, die Entwicklungshilfe erhalten, werden gezielt durch ausländische Kredite kontrolliert und durch multinationale Konzerne ausgebeutet, damit sie von den Industrieländern abhängig bleiben. Diese wirtschaftliche Abhängigkeit ist ein Hindernis für ihre eigenständige wirtschaftliche Entwicklung. Europas Wohlstand und die industrielle Revolution wurde durch jahrhundertelange Ausbeutung natürlichen Ressourcen und Sklaverei in Lateinamerika, Afrika und Asien überhaupt erst ermöglicht. Unser Wohlstand baut auf der Armut der Anderen auf.

Kaffeebohnen aus Kolumbien für den Frühstückskaffee, Soja aus Brasilien für die Massentierhaltung, Lithium aus Bolivien für Batterien von Smartphones. Die Liste ist unendlich lang. Wir importieren diese Rohstoffe so billig, weil die Leute vor Ort zu Hungerlöhnen oder als Kinder arbeiten und keine soziale Absicherung haben. Deshalb können wir in Europa es uns leisten, jeden Morgen einen Bohnenkaffee zu trinken und uns jedes Jahr ein neues Smartphone zu kaufen. In Lateinamerika trinken die meisten Leute Instant-Kaffee, denn Bohnen-Kaffee ist ein Luxusgut, das sich kaum jemand leisten kann. Weil die meisten lateinamerikanischen Länder eine neoliberale Wirtschaftspolitik und freien Handel betreiben, sind die Märkte von ausländischen Firmen und Investoren überschwemmt und die einheimischen Industrien können sich nicht entwickeln. Davon profitieren wiederum europäischen Unternehmen und Banken.

In Deutschland habe ich auch Kurse in Sozial- und Politikwissenschaften belegt, aber kein Professor hat mich auf die Idee gebracht, die europäische Sichtweise in Frage zu stellen. Jetzt weiß ich, dass soziale Probleme in Lateinamerika, Afrika und Asien keine „Entwicklungsprobleme“ sind, sondern Konsequenzen von Machtsymmetrien, Verteilungskonflikten und politischen Entscheidungen. In vielen Ländern Lateinamerikas ist nicht nur im Volk, sondern auch in den Universitäten ein Widerstand gegen die neokolonialen Strukturen und modernen Formen der Ausbeutung und Unterdrückung entstanden. Viele Menschen wollen nicht dem europäischen Entwicklungsparadigma folgen, sie wollen keine Entwicklungshilfe von uns, sondern sie wollen ihren eigenen Weg gehen und die Weisheiten der von den Europäern größtenteils ausgelöschten, aber immer noch lebendigen indigenen Kulturen wieder aufgreifen.

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern“, sagte einst Karl Marx. Aber die Welt lässt sich nicht durch Spenden und Freiwilligendienste verändern, sondern durch politisches Handeln. Um die Welt zu verändern, müssen internationale Machtstrukturen und wirtschaftliche Abhängigkeitsverhältnisse aufgebrochen werden und daran müssen wir weltweit gemeinsam arbeiten. Der „Liberalismus“ verspricht individuelles Glück durch individuelle Freiheit, aber wir müssen den Individualismus durch Gemeinwohl ersetzen.  Denn schon Kant wusste, dass die persönliche Freiheit da aufhört, wo die eines anderen anfängt. Wir müssen über nationale Grenzen hinausdenken, um Ursachen zu bekämpfen, anstatt uns über die Symptome zu beschweren. Wir müssen koloniale und eurozentrische Denkstrukturen hinterfragen und Pluralismus und Vielfalt zu fördern anstatt Einheitsdenken. Nur so lässt sich Raum für neue Ideen und Wandel schaffen.