Das Überlegenheitsdenken der Europäer zerstört den Planeten

Indem wir Europa als Maßstab für Entwicklung betrachten, ziehen wir uns aus der Verantwortung und legitimieren die globale Ungleichheit. Während meines Studiums in Lateinamerika habe ich erstmals die Welt aus der Sicht der „Unterentwickelten“ betrachtet.

„Change the world“, steht auf den Websites entwicklungspolitischer Freiwilligendienste. Viele junge Menschen meinen heute, wenn sie für ein paar Wochen im Kinderheim in einem sogenannten Dritte-Welt-Land arbeiten, wären sie die ganz großen Weltveränderer. Damit werben Organisationen von Freiwilligendiensten. Sie werben mit dem Schuldgefühl. Mit dem Schuldgefühl derer, die den Widerspruch nicht aushalten, in der westlichen Konsumwelt zu leben, während auf der anderen Seite der Welt jede Sekunde in Kind an Hunger stirbt. Die freiwilligen Helfer leisten ihren Dienst ab, machen ein paar Selfies mit armen Kindern im Kinderheim, die sie bei Instagram posten und fliegen zurück in ihre Heimat, wo man voll all dem nichts mitbekommt. Und an der weltweiten Ungleichheit und Armut ändert sich: Nichts.

Ich studiere Sozial- und Politikwissenschaften Lateinamerikas in Chile und wenn ich solche Fotos von Freunden und Bekannten in sozialen Netzwerken sehe, erinnern sie mich an die Fotos in meinem Geschichtsbuch in der Schule, auf denen sich Kolonialherren mit sogenannten unzivilisierten Völkern ablichteten. In der Kolonialzeit wollten die Europäer die Unzivilisierten zivilisieren, heute wollen sie die Unterentwickelten entwickeln. Kurz gesagt: Die armen Länder haben die Probleme, wir haben die Lösung. Die Weltgeschichte ist davon geprägt, dass wir Europäer anderen Völkern unsere Gesellschafts- und Wissenssysteme aufzwängen wollen. Und es macht das Leben im Widerspruch natürlich einfacher, wenn man denkt, die armen Länder seien einfach noch nicht so weit entwickelt und würden irgendwann schon unseren Lebensstandard erreichen, wenn wir denn nur ausreichend Entwicklungshilfe betreiben.

Wenn wir die ökologische Bilanz der Industriegesellschaften betrachten, verlieren sie schnell ihren Vorbildcharakter. Hätten alle Erdenbewohner denselben Lebensstandard wie ein durchschnittlicher Schweizer, bräuchten wir 2,4 Planeten. Das Gesellschaftsmodell des Westens ist also weder dauerhaft aufrechtzuerhalten noch verallgemeinerbar. Wenn man diese Erkenntnis ernstnimmt, dann sind die „entwickelten“ Staaten keinesfalls die vollendeten, erstrebenswerten Endstadien eines Prozesses der wünschenswerten Gesellschaftsveränderung, sondern eher bedauerliche „Fehlentwicklungen“.

In Lateinamerika ist für viele Menschen klar: Die Armut und die schwache wirtschaftliche Stellung der „unterentwickelten“ Länder hat mit den globalen Abhängigkeitsverhältnissen zu tun und diese werden vom Westen kontrolliert und bewusst aufrechterhalten. Die Länder, die Entwicklungshilfe erhalten, werden gezielt durch ausländische Kredite kontrolliert und durch multinationale Konzerne ausgebeutet, damit sie von den Industrieländern abhängig bleiben. Diese wirtschaftliche Abhängigkeit ist ein Hindernis für ihre eigenständige wirtschaftliche Entwicklung. Europas Wohlstand und die industrielle Revolution wurde durch jahrhundertelange Ausbeutung natürlichen Ressourcen und Sklaverei in Lateinamerika, Afrika und Asien überhaupt erst ermöglicht. Unser Wohlstand baut auf der Armut der Anderen auf.

Kaffeebohnen aus Kolumbien für den Frühstückskaffee, Soja aus Brasilien für die Massentierhaltung, Lithium aus Bolivien für Batterien von Smartphones. Die Liste ist unendlich lang. Wir importieren diese Rohstoffe so billig, weil die Leute vor Ort zu Hungerlöhnen oder als Kinder arbeiten und keine soziale Absicherung haben. Deshalb können wir in Europa es uns leisten, jeden Morgen einen Bohnenkaffee zu trinken und uns jedes Jahr ein neues Smartphone zu kaufen. In Lateinamerika trinken die meisten Leute Instant-Kaffee, denn Bohnen-Kaffee ist ein Luxusgut, das sich kaum jemand leisten kann. Weil die meisten lateinamerikanischen Länder eine neoliberale Wirtschaftspolitik und freien Handel betreiben, sind die Märkte von ausländischen Firmen und Investoren überschwemmt und die einheimischen Industrien können sich nicht entwickeln. Davon profitieren wiederum europäischen Unternehmen und Banken.

In Deutschland habe ich auch Kurse in Sozial- und Politikwissenschaften belegt, aber kein Professor hat mich auf die Idee gebracht, die europäische Sichtweise in Frage zu stellen. Jetzt weiß ich, dass soziale Probleme in Lateinamerika, Afrika und Asien keine „Entwicklungsprobleme“ sind, sondern Konsequenzen von Machtsymmetrien, Verteilungskonflikten und politischen Entscheidungen. In vielen Ländern Lateinamerikas ist nicht nur im Volk, sondern auch in den Universitäten ein Widerstand gegen die neokolonialen Strukturen und modernen Formen der Ausbeutung und Unterdrückung entstanden. Viele Menschen wollen nicht dem europäischen Entwicklungsparadigma folgen, sie wollen keine Entwicklungshilfe von uns, sondern sie wollen ihren eigenen Weg gehen und die Weisheiten der von den Europäern größtenteils ausgelöschten, aber immer noch lebendigen indigenen Kulturen wieder aufgreifen.

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern“, sagte einst Karl Marx. Aber die Welt lässt sich nicht durch Spenden und Freiwilligendienste verändern, sondern durch politisches Handeln. Um die Welt zu verändern, müssen internationale Machtstrukturen und wirtschaftliche Abhängigkeitsverhältnisse aufgebrochen werden und daran müssen wir weltweit gemeinsam arbeiten. Der „Liberalismus“ verspricht individuelles Glück durch individuelle Freiheit, aber wir müssen den Individualismus durch Gemeinwohl ersetzen.  Denn schon Kant wusste, dass die persönliche Freiheit da aufhört, wo die eines anderen anfängt. Wir müssen über nationale Grenzen hinausdenken, um Ursachen zu bekämpfen, anstatt uns über die Symptome zu beschweren. Wir müssen koloniale und eurozentrische Denkstrukturen hinterfragen und Pluralismus und Vielfalt zu fördern anstatt Einheitsdenken. Nur so lässt sich Raum für neue Ideen und Wandel schaffen.

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